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Mr. Jones
Kritik der onlinelive-sportstv.com-Redaktion
2,0
lau
Mr. Jones

Die Lügen des Kommunismus

Von
Welche historische Figur einen Kinofilm bekommt und welche nicht, hat häufig weniger damit zu tun, was sie damals geleistet hat, als vielmehr damit, wie gut ihre Taten zum heutigen Zeitgeist passen. Angesichts des aktuellen Gebarens von Putins Russland erscheint es da nur passend, dass gerade jetzt ein Biopic über den walisischen Politberater und Reporter Gareth Jones erscheint, der im Jahr 1933 als einziger westlicher Journalist wahrheitsgemäß über die von der sowjetischen Führung menschengemachte, Millionen von Opfern fordernde und vom Kreml totgeschwiegene Hungersnot in der Ukraine berichtet hat. Mit ihrem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Mr. Jones“ macht es sich die polnische Regisseurin Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“, „Die Spur“) trotzdem zu einfach: Die Bösen sind direkt auf den ersten Blick ausgemacht; der Ukrainetrip erweist sich als Horror-Best-of, das in seiner dramaturgisch fragwürdigen Verknappung trotz unfassbarer Grausamkeiten kaum eine emotionale Durchschlagskraft entwickelt; und um ihrem der Allgemeinheit wenig bekannten Protagonisten mehr historische Relevanz zu verleihen, erhebt die oscarnominierte Filmemacherin eine literarische These zum Fakt.

Nachdem er wegen Budgetkürzungen seine Anstellung als außenpolitischer Berater des Ex-Premierministers David Lloyd George (Kenneth Cranham) verloren hat, beantragt Gareth Jones (James Norton) im Jahr 1933 auf eigene Faust und ohne redaktionellen Auftrag ein Pressevisum für die Sowjetunion. Er kann einfach nicht verstehen, wie die sowjetischen Betriebe so sehr florieren können, während der Rest der Welt in einer schweren Wirtschaftskrise steckt und der Wert des Rubels ebenfalls im Keller ist. In Moskau wird Jones wie alle westlichen Besucher in das Hotel Metropol verfrachtet, wo die ausländischen Gäste mit Frauen und Opium bei Laune gehalten werden. Aber Jones lässt nicht locker. Als ihm schließlich eine Reise zu einer Panzerfabrik zugesagt wird, durchschaut der Journalist, dass er auch hier wieder nur einen Vorzeigebetrieb zu Gesicht bekommen soll, der mit den wahren Verhältnissen im Land nichts zu tun hat. Also trickst Jones seinen Begleiter aus und springt an einem Bahnhof irgendwo in der bitterkalten Ukraine vom Zug – und was Jones dort erlebt, ist an Unmenschlichkeit kaum noch zu übertreffen. Aber wer soll ihm seine Geschichte glauben? Schließlich schreiben die anderen Journalisten um den Pulitzerpreisträger Walter Duranty (Peter Sarsgaard) von der New York Times weiterhin, wie großartig in der Sowjetunion doch alles ist...

Nachdem man gleich in der ersten Szene mit schlammigen Schweinen auf Tuchfühlung geht, gibt es später in den Straßen Moskaus noch einige von schräg unten gefilmte Einstellungen, die eindrucksvoll den erdrückenden Charakter der sowjetischen Prachtbauten unterstreichen. Keine neue Idee, aber sie funktioniert. Davon abgesehen erweist sich „Mr. Jones“ als routiniert, wenn auch nicht sonderlich einfallsreich gefilmtes Historien-Ausstattungskino. Dazu passt es dann auch, dass man die Bösen hier nicht erst an ihren Taten, sondern bereits an ihrem Aussehen erkennt: beim am Stock gehenden Opportunisten Duranty (dem „Mann aus Moskau“ wurde sein Pulitzerpreis trotz jahrelanger Lügenartikel nie aberkannt) ebenso wie beim dekadent fressenden Volkskommissar Maxim Litvinow (Krzysztof Pieczyński). Ambivalenz? Grautöne? Fehlanzeige! Natürlich muss man die Mitschuldigen am Tod von Millionen Menschen nicht mit Samthandschuhen anfassen. Aber „Mr. Jones“ bleibt konsequent in Klischees verhaftet – und damit ist dann auch niemandem geholfen.

Das geht auch bei der Reise durch die Ukraine so weiter. Natürlich sind es unfassbare Gräuel, die Jones dort zu sehen und bald auch am eigenen von Hunger geplagten Leib zu spüren bekommt. Wenn jede Szene zuverlässig noch einen draufsetzt, wirkt das allerdings in einer Weise konstruiert, die dem eigentlich nicht Ertragbaren fast gänzlich seinen Schrecken nimmt. Und der Höhepunkt, wenn Jones von drei hilfsbereiten Geschwistern angeboten wird, mit ihnen gemeinsam ihren erfrorenen älteren Bruder zu verspeisen, als sei so eine Einladung das Normalste von der Welt, wird die unerhörte Tragik des Moments einer grotesken Pointe geopfert.

Eines der zentralen Themen von „Mr. Jones“ sind die zerstörten Ideale jener westlichen Intellektuellen, die tatsächlich an die sowjetische Ideologie glaubten und glauben wollten. Und zwar teilweise so lange, wie es eben nur irgendwie ging. Einer davon ist bekanntermaßen George Orwell, der seine bittere Frustration 1945 in seiner weltberühmten Fabel und Kommunismus-Abrechnung „Die Farm der Tiere“ verarbeitet hat. Seit einigen Jahren hält sich in literarischen Zirkeln die These, dass der Bauer Jones aus der Geschichte in Wahrheit nach Gareth Jones benannt ist und die Fabel maßgeblich von seinen Berichten inspiriert wurde. Holland dichtet zu dieser vermuteten Verbindung in ihrem Film noch eine tatsächliche Begegnung hinzu – und lässt „Mr. Jones“ mit dem desillusioniert vor seiner Schreibmaschine sitzenden George Orwell (Joseph Mawle) beginnen und enden.

So eine kreative Freiheit ist natürlich an sich nicht verweflich oder gar schlecht, auch Maria Stuart und Elisabeth I. wurde in „Maria Stuart, Königin von Schottland“ gerade erst wieder ein Treffen angedichtet, das es sehr wahrscheinlich nie gegeben hat. Aber in diesem Fall verwundert einfach die Schwerpunktsetzung: Als wäre den Machern der Grad der historischen Errungenschaften ihres eigenen Protagonisten suspekt, weshalb sie auf einen bekannteren Namen setzen, um ihm so durch die Klammer um die eigentliche Erzählung eine größere Legitimation zu verschaffen. Aber da können wir sie beruhigen. Gareth Jones hat sehr wohl seinen eigenen Kinofilm verdient – und zwar einen besseren als „Mr. Jones“.

Fazit: „Mr. Jones“ erscheint eigentlich genau zum richtigen Zeitpunkt und ist dennoch eine Enttäuschung.

Wir haben „Mr. Jones“ im Rahmen der Berlinale 2019 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.
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